Vier gewinnt auch! Eine Abrechnung mit der deutschen Erwartungshaltung.

13956893_10154713239748352_292332991_nDie Olympischen Spiele von Seoul waren meine ersten, die ich mit Interesse verfolgte. Elf Goldmedaillen holten wir, 14 Mal Silber, 15 Mal Bronze – Platz 5 gab es im Medaillenspiegel knapp hinter Südkorea. Anja Fichtel, die Florett-Fee aus Tauberbischofsheim, stand allein zwei Mal ganz oben. Vier Jahre später in Barcelona verdreifachte sich der Goldregen, insgesamt gab es über 80 Medaillen. Die erfolgreichen Athleten aus der DDR waren jetzt für Deutschland am Start. Mehr als 20 Jahre später ist nicht mehr viel geblieben von dieser Dominanz, vom Mithalten mit den Giganten. Der Boulevard schreit auf. Hier ein „Versagen“, da „ein peinliches Ausscheiden“, der eine Athlet „scheitert“ im Viertelfinale, wird „nur 6.“, der andere „hatte die Nerven nicht im Griff“ und alle suchen Gründe.

Sind wir doch mal ehrlich, für was interessiert man sich denn wirklich, wenn nicht gerade Olympia ist? Fußball, klar. Handball, ok. Und dann? Vielleicht noch Tennis und Basketball. Man fragt sich, wie ein Kind überhaupt auf die bekloppte Idee kommen sollte Interesse an Synchronspringen, Geräteturnen, Fechten oder Feldhockey zu zeigen. Und in der Schule? Da sind die meisten Jungs froh, wenn sie einfach ein wenig kicken können und die Mädels, wenn sie wegen Menstruation nicht mitmachen müssen. Wenn du mit 10 Jahren noch nicht weißt, worin du mal Gold holen willst, wirst du es wohl nie holen! Und nur Sport machen? Das reicht doch längst nicht mehr. Alles gibst du auf. Jugend, Freunde, Familie – alles steht hinten an. In China packen sie 20.000 langarmige Kindergarten-Kids in Förderschulen. Wird schon ein Weltklasseschwimmer dabei sein.Die nächsten 20.000 stehen schon an. Für die Familien oft der einzige Weg aus der Armut. Hier bei uns, da scheitert es eher daran, dass Mutti das Kind nicht fahren kann, weil Papis Gehalt nicht reicht um die Familie zu ernähren und Mama auch arbeiten geht. Leistungssport ja. Aber nur, wenn der Dispo vom Vater mitspielt.

Alle fordern, aber kaum einer fördert noch. Wer mit 18 einen Randsport so seriös betreibt, dass er Medaillenchancen bei Olympia hat, ist eigentlich bescheuert. Klar, Sportsoldat kann man werden, das hilft. Aber was ist das im Vergleich zum amerikanischen College-System? Reich werden muss man nicht, aber wenn du nach deiner Karriere mit kaputten Knochen ohne Job und Rentenbeiträge dastehst, hast du alles falsch gemacht. Gina-Lisa Lohfink soll 150.000€ für den Einzug im Dschungel bekommen. Bei Olympia müsste sie dafür sieben Mal Gold und eine Bronzemedaille holen. Wer mag ihr da den Dschungel verübeln? Reich mit Werbung nach Gold – ja ne, is klar! Und sportlich? Andere Länder haben längst aufgeholt, wir eher einen Schritt zurück gemacht. Zehnkampfsensation Frank Busemann ging 1996 nach Feierabend trainieren, tagsüber war er Bankangestellter. Damals ging das noch. In Rio war nur eine einzige Fechterin am Start. Die Disziplin in der wir 1988 Gold, Silber und Bronze im Einzel und Team-Gold holten.

Hier und da ein Superstar, das wird es weiter geben. Aber für mehr als 30 Goldmedaillen wie 1992 müssten wir uns schon mit Russland vereinen. Die Dopingnation, die eigentlich nicht mal dabei sein sollte. Und dann sind wir quasi auch noch ganz ohne Schleifer und Macher, wie sie die Fechter beispielsweise mit Emil Beck hatten. Gold-Anja Fichtel brachte es 2012 in einem Interview auf den Punkt: „Erfolg als Fechter hast du nicht durch die richtige Ernährung, oder wenn du im Wald Bestzeiten läufst. Du musst jeden Tag Gefechte fechten. Uns fehlen die Emil Becks. Unter ihm war Deutschland noch eine Fechtbastion. Für ihn war es eine Katastrophe, wenn einer seiner Schützlinge verloren hat. Emil Beck wollte den unbedingten Erfolg und ist den Weg dorthin konsequent gegangen. Er hat sich von niemandem reinreden lassen. Heute macht der eine dies, der andere das. Jeder kocht sein Süppchen. Ganz große Ziele kannst du aber nur als Team erreichen, auch in einer Einzelsportart. Du erreichst einen Athleten aber nur, wenn du als Trainer das Brennen für den Erfolg selbst vorlebst. Wer Sportler auf den Olymp führen will, muss 24 Stunden Trainer sein. Dafür muss er aber auch entsprechend entlohnt werden. Doch daran krankt unser System extrem.“ Ich unterschreibe jedes Wort.

Was bleibt sind zwei Optionen: Entweder man zieht eine krasse Sportförderung für alle relevanten Sportarten auf, verteilt Stipendien an Talente, lobt hohe Prämien für internationale Erfolge aus, gibt Sportlern eine Perspektive „für nach der Karriere“, rechnet die Karriere von Leistungssportlern an die Rente an, gibt Randsportlern die Chance ein Star zu werden, gibt Randsport eine Chance im Mainstream anzukommen.. Oder man hält es mit dem Olympischen Gedanken „Dabei sein ist alles“, stellt Leute, die es zu Olympia schaffen nicht mehr als Totalversager hin, wenn sie keine Medaille gewinnen und hat Freude an allem, was über die Teilnahme hinaus geht. Spaß haben an den Exoten, die doppelt so lange brauchen, wie die Elite. Staunen über Sensationssiege, über unfassbare Leistungen von Athleten auch anderer Nationen. Weinen mit Verlierer, Gestürtzen, Besiegten und ungläubig staunen, wenn einer mit zerfetztem Kreuzband noch mal für das Team antritt. Das ist Olympia für mich. Vier gewinnt auch. Scheiß auf den Medaillenspiegel!

15 Jahre.

Früher2

Als am 11. September das erste Flugzeug in das World Trade Center flog, hatte ich Berufsschule. Auf dem Weg zum Auto las ich es auf meinem Nokia 3210 in einer 140-Zeichen-SMS von meiner damaligen Freundin. Selbst da kam mir kein Terrorakt in den Sinn. Zuhause dann die Live-Bilder, der zweite Flieger. Es dauerte Tage, bis ich alles einordnen konnte. Noch heute weiß ich, wo ich damals war. Das ist keine 15 Jahre her und doch so weit. Wo war ich bei Paris, bei Nizza, bei München? 15 Jahre nur. Damals wollte ich möglichst weit weg von zu Hause, irgendwo in der Welt sein – heute kann Zuhause nicht weit genug weg von der Welt sein!

Es überschlägt sich alles so. Pushnachrichten, Tweets, Posts, Whatsapp. Man weiß nichts, man macht sich verrückt. Kennt man vielleicht jemand dort? Wie nah ist das Szenario am eigenen Leben? Wo ist man noch sicher? Man will nichts mehr hören, aber wenn der Schock-Schalter umgelegt ist, will man auch nichts verpassen. Als erster wissen wenn die Welt unter geht! Und plötzlich schreit das Baby, trinkt, schläft friedlich weiter, weil es nichts weiß. Jeder sollte in diesen Wochen ein Baby haben um sich fünf Minuten einfach nur neben das Bett stellen zu können, wenn es friedlich schläft!

Erdogan, Trump, religiöser Wahnsinn, blinder Hass auf so viele Menschen, die selbst nur Frieden und Heimat wollen. Nicht mehr nach Nordafrika, nicht mehr in die Türkei, nicht mehr nach München? Was bleibt noch übrig, wenn Angst keine Koordinaten mehr hat und aus Flugzeugen und Flughäfen plötzlich auch Regionalzüge und Einkaufscenter werden? Ich denke viel zu viel nach, bin viel zu oft traurig, lasse die Bösen damit viel zu oft gewinnen. Ich will das nicht. Aber ich bin müde. Müde die nächste Terror-Pushnachricht zu lesen, müde die nächste Hetzkampagne von rechten Spinnern zu kommentieren, müde den nächsten PrayFor-Hashtag zu sehen. In was für einer Welt leben wir, wenn Nizza keine 24 Stunden die Topmeldung bleibt? Ich habe keine Ahnung, keine Lösung – aber das Problem macht mich fertig.

15 Jahre seit 9/11 und ich hab so viel gesehen. Ich war in New York und stand auf dem Empire State Building – ohne Angst. Ich war in Kairo, sah die Pyramiden, die Sphinx, die Stadt – ohne Angst. Ich lief durch Jerusalem, Istanbul, London, Orlando, Washington, Miami, lag an wunderschönen Stränden am Atlantik und dem Mittelmeer – ohne Angst. Ich war im Olympiapark in München, gefühlte 100 Mal, hab in Würzburg gefeiert und gesoffen, gefühlte 100 Mal – ohne Angst. Ich hab so viel von der Welt gesehen, so tolle Menschen und Orte entdeckt, so viele Erinnerungen gesammelt. Mein Herz ist voll für die nächsten 150 Jahre. Ich bin traurig und wütend, weil ich möchte, dass meine Kinder ihr Herz genauso füllen können. Ohne Angst. Überall auf der Welt! In 15 Jahren kann so viel passieren. Vielleicht auch endlich mal wieder viel Gutes!

Trauer Power.

Opa An Allerheiligen 1997 war ich – 16 Jahre alt – im Olympiastadion in München. Derbyzeit, Bayern gegen 1860. Meine Großeltern, die mir sonst alles ermöglichten und erlaubten, waren sauer. Auch als mein Opa 1999 starb, konnte meine Oma nicht verstehen, warum ich nicht regelmäßig den Friedhof aufsuchte. Er war mein 2. Papa, der Held meiner Kindheit – für sie grenzte es an Verrat. Tut es vielleicht bis heute. Dabei vergeht kaum ein Tag an den ich nicht an ihn denke. Seit 17 Jahren. Für Oma ist Trauer ein Akt, den man vor Gott, vor einem Grab oder vor mindestens einem Kreuz zeigt. Das war nie meine Welt, aber ich respektiere, dass das ihre ist.

Immer wieder wird in den letzten Monaten über Trauer im Netz gestritten. Warum Solidarität mit Frankreich und nicht mit anderen Ländern? Warum sind zehn Tote in Deutschland für die Tagesschau wichtiger als 1.000 Tote im nahen Osten? Warum wird für Orlando mehr gebetet als für Istanbul? Über manchen Promi-Tod und die damit verbundene Exzessivtrauer habe ich mich sogar selbst geärgert. Ein Schauspieler, der mit 200 – wenn auch als Beifahrer – in einer 70er-Zone stirbt. Eine Sängerin, die zig Therapien in Top-Kliniken hatte, die einem normalen Menschen nie zugänglich werden. Wenn heute getrauert wird, halte ich es wie mit Nationalhymnen: Entweder ich mache mit oder ich halte die Fresse. Ich entscheide das nicht, es passiert. Trauer hat keine Messlatte, die man rausholt, anlegt und schaut, wo man auf der Skala zwischen egal und Heulkrampf herauskommt.

Neulich starb – völlig aus dem Nichts – ein recht bekannter Twitterer. Ich mochte seinen Humor sehr, ich glaube er meinen auch. Ich mochte, wie sehr ihn so viele mochten. Und als ich erfuhr, dass er gestorben ist, war ich traurig, obwohl wir uns nie persönlich trafen. Trauriger als ich es vielleicht bei so manchem Menschen wäre, den ich schon hunderte Male getroffen habe. Trauer passiert einfach. Weil man jemanden mag, weil man mit jemanden etwas verbindet, weil man sein eigenes Leben im Leben des Gestorbenen findet. Vielleicht ist Paris trauriger als Istanbul, weil Frankreich mehr wie Berlin und eine Franzose mehr wie ein Deutscher ist? Vielleicht ist Brüssel schlimmer als Bagdad, weil man so einfach und schnell in Belgien ist und der Irak „nur dieses Land aus den Nachrichten ist“. Es ist eigentlich auch egal. Trauer kann man nicht pauschalisieren. Trauer passiert einfach.

Miriam Pielhau. Bud Spencer. Peter Lustig. Auch ich fange an immer emotionaler auf Promi-Tode zu reagieren. Vielleicht, weil ich mit vielen davon Erinnerungen an meine Kindheit verbinde. Und damit auch automatisch an Opa. Den Mann, den ich bisher genau zwei Mal auf dem Friedhof besucht habe und an den ich dennoch seit 17 Jahren fast jeden Tag denke. Oma lebt noch. Überzeugen von meinem Trauer-Konzept werd ich sie dennoch niemals können. „Leben und leben lassen“ ist ein so einfach wie gutes Sprichwort. Es sollte auch für den Tod und die damit verbundene Trauer gelten. Lebt Euer Leben so, dass Ihr selbst traurig wärt, wenn Ihr von Eurem Tod erfahren würdet – dann könnt Ihr wenig falsch machen.

Mein schönstes Ferienerlebnis.

Urlaub Hotel

5:15 Uhr – irgendwo in einem Flugzeug Richtung Sonne. Eine Frau – sie wäre gerne noch 35, ist aber Mitte 50 – dreht sich zu mir nach hinten. Links von mir klebt der 3-Jährige stumm Aufkleber ein, rechts sitzt meine Frau und freut sich, dass das zahnende Baby so brav ist.

Sie: „Merken Sie denn gar nix?“
Ich: „Bitte?“
Sie: „Dieses widerliche Geräusch!“
Ich: „Was meinen Sie?“
Sie: „Dieses Fiepen, immer wieder. So unerträglich!“
Ich: „Ach. Sie meinen das Geräusch, wenn unser Baby lacht?“
Sie: „Sie nennen es Lachen, aber sie haben dieses Kind nicht im Griff!“
Ich: „Was genau sollten wir tun? Mund verkleben? In die Gepäckablage mit ihr?“
Sie: „Keine Ahnung, stellen Sie das ab, kein normales Kind macht solche Geräusche!“
Ich: „Das Kind ist 9 Monate alt und hat Spaß in einer Stresssituation!“
Sie: „Ich habe auch Kinder, die waren nie so!“
Ich: „Was haben Sie denn mit denen gemacht, damals, vor 30 Jahren?“
Sie: „Meine Kinder haben keine Geräusche gemacht. Nie!“
Ich: „Schade!“
Sie: „Schade, dass es noch keinen Führerschein für Eltern gibt!“
Ich: „Ja, der Idiotentest für Flugreisende ist auch überfällig!“
Sie: „Ich will hier sachlich mit Ihnen reden!“
Ich: „Fangen Sie mal an.“
Sie: „In einem Radius von 10 Metern ist an Schlaf nicht zu denken. Wegen diesem Kind!“
Ich: „Seh ich!“ (Die 6 Leute hinter uns, die 3 neben uns und sogar ihr Nachbar zwei Plätze weiter sind im Tiefschlaf. Ihr Mann beendet den Dialog mit „Lass es, bringt doch nichts, Schatz!“)

Es sind die Momente, wo du an Karma glauben musst. Und, dass Karma dieser Frau 10 Tage Durchfall beschert und die Reiseapotheke zu Hause auf dem Schrank vergessen wurde.

Papa, was ist Politik?

Mein Sohn ist jetzt fast 3 Jahre alt. Ein schlauer Kerl, der die Welt entdeckt und Dinge verstehen will. Als ich neulich Kleiderspenden für Flüchtlinge im Auto hatte, wollte er wissen, wofür die sind. Zuhause hat er dann – unaufgeordert wohl gemerkt – aus seinem Schrank Klamotten sortiert und für die Kinder noch Stifte und Süßigkeiten dazu getan. Ich liebe ihn dafür noch ein Stück mehr, als ich es ohnehin tue. Hätten alle Menschen seine Logik und sein Grundverständnis von Teilen, wäre die Welt sicher ein toller Ort. Und dennoch habe ich Angst und bin gerade sehr froh, dass er mich noch nicht den folgenden Satz gefragt hat: „Papa, was ist Politik?“ Trotzdem habe mir das Horrorszenario mal vorgestellt, wie seine 5-jährige Version genau diese Frage stellt. Weiterlesen

No meat today – Ein Monat ohne Fleisch

FleischfreiEigentlich müsste ich Chris Martin hassen. Und Coldplay. Und die Medien. Aber irgendwie bin ich ganz dankbar, dass das alle eine große Lüge ist mit den Musikcharts. Aber der Reihe nach. Nach und nach machte ich mir in den letzten Monaten immer mehr Gedanken über dieses ganze Fleisch essen. Über Preise vom Discounter, die teilweise so niedrig sind, dass weder Sau noch Metzger ein schönes Leben haben können. Über die Notwendigkeit von Wurst auf jedem Brötchen, jeder Pizza, jedem verdammten Teller. Und darüber, wie gesund Fleisch einer speedgepimpten Kuh oder einer überstopften Gans und einem Antibiotika-Huhn noch sein kann. Und immer war meine Antwort „Alles blöd, ich weiß. Aber ich bin es doch so gewohnt, das schaffe ich niemals auch nur eine Woche ohne Fleisch!“

Adventure of a Eisbein
Manchmal muss man sich zu seinem Glück zwingen. Also suchte ich nach Leuten, die eine Wette eingehen wollten. Wettschulden sind Ehrenschulden. Mein Einsatz: Ein Monat ohne Fleisch. Mein Kumpel Palle – selbst vegetarisch unterwegs – kannte meine Bratwurstschlagzahl, meine Adventure of a Eisbein. Und als er irgendwann das neue Coldplay-Lied „Adventure of a lifetime“ gut fand, wettete ich gegen eine Chartplatzierung in den Top 15. Palle hätte die komplette Glocke von Schiller auswendig vorgetragen. Win-Win für mich. Und es fing alles so gut an. Irgendwo um Platz 20 stieg das Lied ein, stand dann noch schlechter. Und plötzlich wurde Coldplay tagelang auf der iTunes-Startseite gefeatured, Coldplay als Superbowl-Act verkündet und dieser verdammte Song überall im Abspann gespielt. So war dann schnell klar: Poppe probiert’s – No meat today und auch noch 30 weitere Tage im Januar.

Fleisch war mein Gemüse
Wer mich kennt, der weiß, dass das Fleisch mein Gemüse war. Als ich einmal umzog, machte mein Stammmetzger gegenüber kurz darauf den Laden zu. Ob es einen Zusammenhang gab – reine Spekulation. Wenn du aber im Mehrgenerationen-Haushalt aufwächst, wenn Oma und Mutti kochen, dann gibt es immer Fleisch. Wurstbrot am Morgen, irgendwas warmes mit Fleisch am Mittag, Vesper am Abend. Am Wochenende dann lecker Braten. Es war für mich normal Fleisch zu essen. Immer und täglich. Die Oma will das den Enkeln gönnen, weil sie es selbst noch kennt, wenn es das nur alle vier Wochen gab. Und so war das dann eben die letzten 33 Jahre mein Alltag. Am All-Inklusiv-Buffet keine Platz mehr für Beilagen, weil schon acht Sorten Fleisch auf dem Teller lagen, Brot nur mit dickem Wurst-Belag, selbst Eintopf nur mit einer Hand voll Würstchen. Und dann kam Silvester. Ein letztes Mal Pizza und der Fleischofen war aus.

Wurst Case Szenario
Der Worst Case oder besser gesagt der „No Wurst Case“ war da und ich hatte Angst. Mehr sogar als damals, als ich als „Eine Schachtel am Tag“-Raucher von heute auf morgen aufhörte. Auch wenn ich immer noch vom 10-Meter-Turm springen muss – ich stehe zu meinen Wettschulden. Nach dem ersten Tag war es noch besonders. Ich glaube wirklich es war der erste fleischlose Tag seit einem Jahrzehnt. Kein Witz. Nach drei Tage war es fast schon normal. Ich entdeckte Brotaufstriche. Verdammt ist das Zeug lecker. Ich aß Gemüse-Pizza mit gefühlten 20 Belägen. Obwohl ich quasi keinen Käse und keine Milchprodukte mag, gab es täglich irgendwas anderes. Immer genug, immer lecker, meist gesünder als früher. Zwei Wochen später fing ich an zu überlegen, wie es nach dem Monat weiter geht. Heute bin ich den 35. Tag ohne Fleisch. Freiwillig. Hätte mir das jemand vor einem Jahr gesagt, wäre mir vor Lachen das Mettbrötchen aus der Hand gefallen.

One lucky cow please
Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt etwas schreibe. Aber die Seite heißt „Poppe probiert’s“ und das nicht zu verbloggen, wäre irgendwie auch fahrlässig. Ich werde weiterhin Vegetarier und Veganer auslachen, die jedes Gespräch auf ihren Verzicht lenken und Menschen missionieren wollen. Am Ende ist mein Fazit, dass es kein Problem ist ohne Fleisch gut zu leben und lecker zu essen. Der Geschmack kommt von Gewürzen, Soßen, Beilagen. Das Fleisch trägt ihn, aber das tut ein Quinoa-Brätling auch. Ob man das will, muss jeder selbst wissen. Viel ist schon getan, wenn man mal den Weg eines Schnitzels, einer Salamischeibe oder eines Hähnchenschenkels zurückverfolgt. Und dann muss man sich fragen, ob man das ok findet und ob man wirklich Fleisch und Wurst zu Dumpingpreis braucht. Ich werde weiterhin Steaks und Schnitzel essen. Vielleicht einmal pro Woche, vielleicht einmal im Monat. Aber ich werde nur noch Sachen vom Dorf-Metzger kaufen, bei dem ich den Namen der Kuh erfragen kann und in Gaststätten (Schenk’s Landgasthof ist hier sehr zu empfehlen), bei denen ich weiß, dass das Steak im selben Bundesland wie ich aufgewachsen ist. Was Ihr jetzt mit diesen Infos macht? Keine Ahnung! Aber Ihr könnt Euch gerne eine Scheibe von meiner neue Ideologie abschneiden. Und wenn nicht, ist es mir auch Wurst.

Mehr Mitte. Bitte!

Früher war alles einfacher. In der Schule musste man nur zwischen Scout und McNeill wählen, maximal dann noch zwischen Geha oder Pelikan. Wichtiger war dann schon die Grundsatzfrage Backstreet Boys oder Kelly Family. Die Jungs standen vor einer harten Entscheidung. Wollte man das Herz von Susi (BSB) gewinnen, durfte man kein böses Wort über die gegelten US-Boys verlieren. Dadurch waren die Chancen bei Steffi (Kelly) aber gleich null – dachten wir Jungs. Schon damals tat man eigentlich gut daran, wenn man sich einfach alles mal angehört hat und es entweder gut oder schlecht fand. Und wenn man Susi dann sagte, dass „Get Down“ ganz groovy ist, aber „Quit playing games“ etwas zu schnulzig, war das für Susi ok. Die hat sich ihre Knutschpartner ohnehin nach Sympathie und Aussehen gewählt und nicht nach Musikgeschmack. Auch heute täte dieses Meinungsbilden mit Pros, Contras und ohne Extreme vielen mal wieder gut. Denn: Aus der Mitte entspringt kein Stuss.

Links, rechts, vor, zurück…
Heute sind es nicht mehr die Backstreet Boys und die Kellys. Heute hat man viel schwerere Entscheidungen zu treffen. Und wenn man sich mit den meisten Leute über aktuelle Themen unterhält, scheint es nur noch Extreme nach links und rechts, nach oben und unten, nach egal und ganz wichtig zu geben. Weiterlesen

Gestatten: Cristiano. Geboren auf der Flucht!

Warum Menschen vor Krieg fliehen, sollte eigentlich eine Frage sein, die sich von selbst beantwortet. Dennoch fehlt einigen Menschen offenbar die Phantasie, der Blick über den Tellerrand oder einfach nur der nötige Funken Menschlichkeit. In der LEA Wertheim habe ich den kleinen Cristiano besucht. Er ist am 1. September 2015 geboren worden. Auf der Flucht. Irgendwo zwischen Serbien und Mazedonien im Wald. Wer nach Cristianos Geschichte noch keine Empathie hat, wird sie auch nicht mehr bekommen.Die Eltern des Kleinen lebten in Aleppo, der zweitgrößten Stadt in Syrien mit einst 2,5 Millionen Einwohnern. Der Vater ist Schneider, verarbeitet beruflich Spitze, die drei Kinder sind im Grundschul- und Kindergartenalter. Ein ganz normales Leben. Eine ganz normale Familie. Seit Sommer 2012 ist Aleppo umkämpft. Rebellen im Osten, Assad im Westen. Russland und der Iran mischen gegen die Dschihadisten mit. Ein wenig wie Berlin zur Besatzungszeit – nur eben mit Krieg. Täglich gibt es Gefechte, Bombe fliegen. Das normale Leben für die normale Familie gab es nicht mehr. Wer „Aleppo + Zerstörung“ googelt, kann es vielleicht verstehen – ein wenig.

Als das Haus der Familie zerstört wird, fliehen sie in die Nachbarstadt. Besser ist es dort kaum. Die Familie erfährt von der Schwangerschaft und es wächst der Gedanke an eine Flucht nach Europa. Drei Monate Planung sind nötig um die Reise antreten zu können. Nicht, weil es eine gute Option ist. Es ist die einzige Option. Lange Details über die Reise erspare ich mir. Über die Flucht aus Syrien nach Europa kursieren unzählige Bericht und Reporterstücke im Netz, die die Strapazen und Gefahren beschreiben. Nur so viel: Acht Tage Fußmarsch im Dauerregen sind für eine hochschwangere Frau, Kinder und auch einen erwachsenen Mann alles, aber keine lockere Wanderung. Hilfe bekamen sie dennoch auf dem Weg von allen Seiten – anders wäre es wohl kaum machbar gewesen.

Die erste Hilflosigkeit kommt auf der dreistündigen Schiffsüberfahrt, aber alles geht gut. Über Griechenland soll die Reise ins Zentrum von Europa weiter gehen. Und irgendwo auf diesem Weg – zwischen Mazedonien und Serbien in einem Wald – will Cristiano raus. In der Gruppe mit der die Familie unterwegs war, gab es (so übersetzt es mir der Dolmetscher) “eine Frau die sich ein wenig mit Geburten auskannte“. Das war alles, was es an Hilfe gab. Kein Krankenhaus, keine Hygiene, keine Schmerzmittel. Cristino kommt am Abend des 1. Septembers 2015 auf die Welt. Ein kleines Wunder, dass Mama und Sohn die Geburt überstehen und die Reise fortsetzen. Wo andere Kinder Windeln, Body und Strampler nach diversen Untersuchungen tragen, hat Cristiano eine ganz spezielle Kleidung: Eine Plastiktüte ist Windel, Body und Strampler zugleich. Für zwei Tage. Mehr ist nicht da. Der Gesundheitszustand von Mama und Kind verschlechtert sich immer mehr. Erst, als sie nach Tagen ein Krankenhaus erreichen, wird es besser.

Seinen Namen hat Cristiano von dem berühmten Fußballer. Der Papa ist Fan, Ronaldo ist DER Kicker in Europa und Europa ist die neue Heimat der Familie. Zumindest jetzt. Denn als ich den Papa nach seinem größten Wunsch frage, sagt er: „Wieder ohne Sorgen in der Heimat leben. Die Kinder dort aufwachsen sehen, ein glückliches Leben führen!“ und dann will er noch Danke sagen für an alle, die ihm geholfen haben, an die Deutschen, die die Familie aufgenommen haben und an Gott, dass sie noch am Leben sein dürfen. Worte eines Mannes, der ein ganz normales Leben führte. Mit einer ganz normalen Familie. Bis ein Krieg, den er nie wollte und an dem er nichts ändern konnte, dieses Leben von heute auf morgen zerstörten.

Es mag sein, dass die Deutsche Willkommenskultur auch schlechte Menschen anlockt. Mit Sicherheit will sich ein Teil der Flüchtlinge aus sichereren Gebieten auch nur bereichern. Deutschland wird von seinen neuen Einwohnern gefordert und gefördert werden. Man kann vieles hinterfragen, man darf Kritik an vielen Abläufen und dem System üben. Dinge müssen sich ändern, zugunsten der wirklich Bedürftigen verbessern. Man muss sich im Klaren sein, dass die Flüchtlingsthematik uns noch lange beschäftigen wird. Was man aber nicht darf: Krieg nicht als Grund für Flucht akzeptieren und eine kleines Stückchen des eigenen Wohlstandes über den Grundbedürfnisse eines jeden Menschen ansiedeln. Wer das tut, der nimmt tausenden Familien die Chance auf das Leben, das wir führen. Das wir führen, weil wir Glück hatten, dass unser Alltag nicht von Krieg zerstört wurde. Ein Leben, das jeder verdient hat. Unabhängig von Nationalität und Religion. Wer eine Grenze für einen unbekannten Anteil von schlechten Menschen schließt, der schließt sie auch für Cristiano und Tausende andere Familien wie seine. Allen, die das nicht nachvollziehen können, wünsche ich, dass sie nie eine Entscheidung wie Cristianos Papa treffen müssen: Im Krieg leben oder mit Frau, Kindern und Baby fliehen und alles zurück lassen, was einst für Heimat und Glück stand.

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Zu Gast in der Welt von Sonnenschein Samu

Down-Syndrom, Trisomie 21 und den verpönten Begriff Mongolismus hat jeder irgendwie mal gehört. Viel anfangen können die Wenigsten damit. Familie Weiß auf Apfelbach wusste auch nur ein paar Dinge, bevor Samu in ihre Welt kam. Samu ist anderthalb Jahre alt, hat Trisomie 21 und verbreitet so viel Glück und Liebe, wie jedes andere Kind auch. Ich durfte für einen Moment Gast in seiner Welt sein und war begeistert und beeindruckt.

Samu
Irgendwie dachte ich, Trisomie 21-Menschen seien nicht kontaktfreudig. Man hat mal was aufgeschnappt. Samu ist allerdings schnell auch bei mir und hält mich mit einem Quietschepferd auf Trapp. Samu ist besonders. Er hat 47 Chromosomen statt der üblichen 46 – das ist auch schon alles, was ihn prinzipiell von anderen Kindern unterscheidet. Und weil das besondere Chromosom das 21. ist und dreifach, statt doppelt belegt ist, heißt es eben „Trisomie 21“. Man erkennt Trisomie-Kinder häufig an einem etwas flacheren Gesicht, schrägen Augenstellungen, kleinen Ohren oder der durchgehenden Furche auf der Handfläche. Bei jeder 700. Geburt in Deutschland kommt es zu einer solchen Chromosomenstörung und so leben geschätzte 50.000 Menschen mit Down-Syndrom im Land. Jeder von ihnen ist eine ganz eigene Persönlichkeit mit Gefühlen, Wünschen, Bedürfnissen. Weiterlesen

Wie ich einmal fast eine Bratwurst auf dem Weihnachtsmarkt gegessen hätte.

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Gestatten, Grinch mein Name. Naja, fast. Seit ich Kinder habe, ist Weihnachten halbwegs in Ordnung. Deswegen traute ich mich dieses Jahr sogar auf einen Weihnachtsmarkt. Meine Vorabmeinung: Die Aussichten auf Spaß sind ungefähr so groß, wie bei einer Ü70-Swinger-Party im hässlichsten Puff in Prag. Altmodische Lichter, ranzige Würstchen, grenzwertige Flüssigkeiten. Alles muss, nichts kann! Ich muss auch. Dringend zum Bratwurststand. Der ist der einzige wirklich sinnvolle Grund für einen Autofahrer überhaupt auf so einen Markt zu gehen. Natürlich schön lange Schlange an der Bude. Das Sprichwort „Stell dich nicht so an“ muss wegen der Warteschlangen an den Ständen deutscher Weihnachtsmärkte erfunden worden sein. Aber gut: Zehn-Zwölf Menschen vor einem Stand sind ja eigentlich nicht die Welt, da liegen ja schließlich 200 Würste auf dem Grill. Denke ich mir so und erlebe die Weihnachts-Hölle.

Ganz vorne ist natürlich die obligatorische Kleingeld-Oma, die tagsüber schon den Einkauf im Supermarkt zum Tagesausflug werden lässt. Irgendwann muss mal – in den 60ern oder noch früher – das komplette Wechselgeld der Republik ausgegangen sein. Vielleicht stand es sogar mal unter Strafe nicht passend zu zahlen. Anders ist es nicht zu erklären, warum Menschen ab 70 das tiefgründige Bedürfnis haben, passend zu zahlen. Zur Not dann auch mit roten Münzen, die mit eingefrorenen und sehr alten, schrumpeligen Fingern heraus geholt werden. Ist ja nett gemeint. Ungefähr so nett, wie einem 12-Jährigen Feuer für seine Kippe zu geben. Nach fünf Minuten geht es weiter. Eine Frau bestellt sich eine vegane Bratwurst. EINE. VEGANE. BRATWURST. Millionen Jahre Evolution brachten unsere Spezies zu dem Punkt, wo wir endlich am Bratwurststand eine Wurst ohne Wurst braten können. Mir persönlich wäre die Weiterentwicklung „Hack-Spekulatius am Bäckerstand“ lieber gewesen.

Der Herr, der als nächstes darf, hat mitgedacht. Zumindest einen Schritt weit. Vier Glühwein hat er in der Hand. Offenbar geht die Runde auf ihn. Macht natürlich Sinn, dann auch noch vier Bratwürste zu bestellen. Während so eine Bedienung auf dem Oktoberfest auch mal zehn Maßkrüge gleichzeitig stemmt und dabei noch schaut, als käme sie gerade vom Wellness aus der Therme in Erding, geht das bei unserem Freund eher in Richtung Passionsspiele in Oberammergau – die Kreuzigungsszene natürlich. Eigentlich müsste man solche Menschen mit dem Handy ins Netz streamen und über Seiten wie bwin Wetten über die Anzahl der gestürzten Würste abschließen können. In seinem Fall werden es zwei abgestürzte Brötchen. Die gute Wurst. Und weil man mit vier Glühwein in zwei Händen alles tun sollte, aber keine fallende Bratwurst fangen, ist am Ende die Theke und der Typ versaut. Also muss die arme Mindestlohnkraft erst mal putzen, während der feine Herr noch mal zwei Würste bestellt und sich in der Zwischenzeit vom Acker macht um dann doch erst mal die vier halbvollen und lauwarmen Glühweine abzuliefern. Weiterlesen